Ist Functional Training zweckmässig?
Update: Juli 2024
Functional Training (FT) wird seit einigen Jahren als überlegene Trainingsmethode postuliert. Es wird von seinen Anhängern als das bessere Training im Vergleich zu gerätegestütztem, klassischem Krafttraining angesehen (Siff M. 2002). Einige sind der Meinung, dass der Begriff „funktionelles Training“ aus der Therapie stammt und Training zur Wiederherstellung von Alltagsbewegungen beschreibt (Stenger L. 2018). Andere sehen den Ursprung im alten Griechenland (Pereira HV. 2024).
Definition von Functional Training
Es gibt viele Definitionen von FT (Pereira HV. 2024, Ide et al. 2021a, Ide et al. 2021b, Stenger 2018). Je nach Autor, Marketingleiter und Verkäufer wird FT unterschiedlich interpretiert. Für den einen sind Übungen auf instabilen Unterlagen funktionell, für den anderen sind es Eigengewichtsübungen oder Übungen an Schlingen, die von der Decke hängen (Ide et al. 2021b, Stenger 2018). Oder es werden dicke Seile geschwungen und Kettlebells herumgewirbelt, um funktionell zu sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Functional Training – logisch?

Mike Boyle, einer der lautstarken Vertreter von FT, definiert FT in seinem Buch (Boyle M. 2016) über eine Frage: Wie viele Sportarten werden im Sitzen durchgeführt? Seine Antwort: wenige (z. B. Rudern), und darum ist Training im Sitzen nicht funktionell. In seinem Buch empfiehlt Boyle Übungen im knien. Doch wie viele Sportarten kennst du, die in kniender Position ausgeführt werden (z. B. Kanu/Kanadier)? Folgen wir Boyles Logik mit den sitzenden Übungen, dann sind kniende Übungen ebenfalls nicht funktionell und sollten somit nicht trainiert werden.
Richtigerweise schreibt er, dass beim Gehen die Füsse während des Bodenkontakts Kräfte entfalten müssen und die Beinmuskeln in einer geschlossenen kinetischen Kette (Closed Kinetic Chain, CKC) arbeiten. Seine Schlussfolgerung betreffend FT: Die Beine müssen in CKC trainiert werden und nicht wie bei einer Leg Extension in einer offenen kinetischen Kette (Open Kinetic Chain, OKC). Es sind also nur Beinübungen funktionell, die in CKC ausgeführt werden.
Denken wir in dieser Logik an die Hände, müssten wir nur in OKC trainieren, also keine Liegestützen wie in seinem Buch. Denn bei wie vielen Sportarten sind die Hände fixiert? Bei der „Core Stability“ dürften wir keine Planks durchführen, da wenige Sportarten und Alltagsbewegungen Rumpfstabilität in CKC erfordern.
Wenn man diese Überlegungen zu Ende denkt, sind nur der jeweilige Sport und die jeweilige Alltagsbewegung selbst funktionell (Siff 2002).
Funktionelles Training ist grösstenteils Marketing blabla.

Denn es kann DAS Functional Training oder DIE funktionelle Übung gar nicht geben. Es kommt auf die Umstände und das Individuum an. Und was heute funktionell ist, ist es morgen vielleicht nicht mehr (Siff 2002, Da Silva-Grigoletto et al. 2014).
Functional oder doch zweckmässig?
Ein Synonym, das es sehr einfach macht zu erkennen, ob ein Training funktionell ist oder nicht, ist: zweckmässig. Sie haben eine Ausgangslage (IST-Zustand) und ein Ziel. Jetzt gibt es zur Zielerreichung ein zweckmässiges Training:
- Ein Wettkampf-Bodybuilder denkt, sein Bizepsumfang sei zu gering (IST-Zustand) und er will ihn effizient vergrössern (Ziel). Dann kann er auf der Armbeugemaschine seinen Bizeps sehr gezielt trainieren, was sehr zweckmässig/funktionell ist. Gleichzeitig ist es Athletic Training, denn der Bodybuilder ist Athlet (griechisch für Wettkämpfer) und er bereitet sich auf einen Wettkampf vor. Also betreibt er Athletic Training. Seile herumwirbeln wäre für sein Ziel nicht sehr zweckmässig/funktionell (Pereira HV. 2024).
- Ein Patient mit Knieproblemen kann seinen Quadrizeps auf der Kniestreckermaschine sehr zweckmässig/funktionell trainieren (Mikkelsen et al. 2000, Culvenor et al. 2022) und gleichzeitig oder später mehrgelenkige Übungen ausführen.
- Auf der anderen Seite ist ein schlecht ausgeführter Russian Twist kein FT. Oft werden dabei der Bizeps und die Schulter stärker beansprucht, als tatsächlich eine Rotation in der Wirbelsäule stattfindet. Der Zweck wird verfehlt. Auf einem entsprechenden Gerät kann problemlos und zweckmässig die Oberkörperrotation trainiert werden.
- Eine klassische beidbeinige Kniebeuge sieht vielleicht nicht sehr cool aus, ist aber sehr funktionell, wenn du mit einer 80-jährigen Kundin das Absitzen und Aufstehen trainieren musst. Oder am Anfang sogar auf der Beinpresse.

Zielorientierung
Es kann auch aus psychologischen Gründen angebracht sein, auf Trainingsgeräten zu trainieren. Das gibt bestimmten Kunden Sicherheit, um überhaupt mit dem Training anzufangen.
Wir hoffen, dass du als Fachperson dich nicht von Schubladendenken lenken lässt. Wichtig ist, dass du möglichst viele Übungen und Methoden kennst und ihre Wirkung auf das komplexe, adaptive System Mensch verstehst. Du solltest alles so einsetzen, dass dein Kunde effizient sein Ziel erreicht.
Definition, Teil 2
Darum plane individuell und handle zielgerichtet und entsprechend den Vorlieben deines Kunden. Das schliesst alle dir zur Verfügung stehenden Tools ein und keine aus. So ist es immer (funktionelles) Training. Man sollte es nicht verkomplizieren.
Die obige Aussage entspricht der Internationalen Consensus Definition gemäss Pereira HV (2024): Funktionelles Training ist ein physischer Interventionsansatz, der zur Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit entsprechend individueller Ziele im Sport, im Alltag, in der Rehabilitation oder im Fitnessbereich beiträgt und dabei die Spezifität der Aufgabe sowie die einzigartige Reaktionsfähigkeit jedes Einzelnen berücksichtigt.
„Funktionelles Training“ ist ein „weisser Schimmel“.
Denke nicht in Schubladen zum Wohle deines Kunden!
Im Leistungsport muss es um sportartspezifisches Training gehen. Allgemeines FT ist unzweckmässig. In diesem Zusammenhang spielen die Begriffe Transfer und spezifisch eine grosse Rolle. Dazu mehr im nächsten Artikel.
Boyle M (2016) New Functional Training For Sports. Human Kinetics, Second Edition, Champaign, IL 61825-5076 https://bit.ly/40UpZvD
Culvenor AG, Girdwood MA, Juhl CB, et al (2022) Rehabilitation after anterior cruciate ligament and meniscal injuries: a best-evidence synthesis of systematic reviews for the OPTIKNEE consensus. Br J Sports Med 56:1445–1453. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-105495
Da Silva-Grigoletto ME, Brito CJ, Heredia JR (2014) Treinamento funcional: funcional para que e para quem? Rev Bras Cineantropom Desempenho Hum 16:714. https://doi.org/10.5007/1980-0037.2014v16n6p714
Ide BN, Marocolo M, Santos CPC, et al (2021a) Commentary: “You’re Only as Strong as Your Weakest Link”: A Current Opinion About the Concepts and Characteristics of Functional Training. Front Physiol 12:744144. https://doi.org/10.3389/fphys.2021.744144
Ide BN, Silvatti AP, Marocolo M, et al (2021b) Is there any Non-functional Training? A Conceptual Review. ) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fspor.2021.803366/full
Mikkelsen C, Werner S, Eriksson E (2000) Closed kinetic chain alone compared to combined open and closed kinetic chain exercises for quadriceps strengthening after anterior cruciate ligament reconstruction with respect to return to sports: a prospective matched follow-up study. Knee Surg Sports Traumatol Art 8:337–342. https://doi.org/10.1007/s001670000143
Pereira HV et al. , (2024) International Consensus on the Definition of Functional Training: Modified e-Delphi Method. Sport Rxiv, Preprint. https://sportrxiv.org/index.php/server/preprint/view/433
Siff MC (2002) Functional Training Revisited. Strength and Conditioning Journal 5 https://journals.lww.com/nsca-scj/citation/2002/10000/functional_training_revisited.11.aspx
Stenger L (2018) WHAT IS FUNCTIONAL/NEUROMOTOR FITNESS? ACSM’s Health and Fitness Journal 22:35–43. https://doi.org/10.1249/FIT.0000000000000439
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