Neues lernen und Veraltetes entsorgen

Update: Mai 2024

Wir alle bilden uns mehr oder weniger gezielt und strukturiert weiter. Das Angebot ist vielfältig und die Flut an neuen Studien und Informationen ist gross. Nicht zu vergessen die täglichen Tweets und Posts in den sozialen Medien. So kommen wir fortwährend zu neuen Informationen. Aber wie gehst du mit veraltetem Wissen um? Entsorgst du es regelmässig, so wie du es auch mit alten Zeitungen machst?

Veraltetes Wissen erkennen

Welches Erscheinungsdatum haben deine Fachbücher? Sind sie älter als fünf Jahre? Wenn du zum Beispiel die MTT-Bücher von Diemer/Sutor von 2006 hast, solltest Du dir die überarbeitete 4. Auflage von 2023 besorgen. Es besteht ein grosser Unterschied in der Aktualität dieser Auflagen.

Medizinische Leitlinien (Guidelines) stimmen nach fünf Jahren noch zu etwa 50 % (Alderson LJH, 2013). Man kann es auch so formulieren: 50 % dieses Wissens sind veraltet und sollte nicht mehr angewendet werden. Nach acht Jahren stimmen bei den medizinischen Richtlinien weniger als 20 % der Angaben. Shekelle PG (2001) empfiehlt eine Überarbeitung von Richtlinien generell alle drei Jahre. Die erwähnten Studien selbst sind über fünf Jahre alt. Sehr wahrscheinlich muss es heute sogar schneller gehen (Densen P, 2011):

Was bedeutet das für dich persönlich?

Zum Lernen und Weiterbilden gehört nicht nur neues Wissen zu erarbeiten, sondern lieb gewonnenes, aber veraltetes Wissen zu entsorgen – bei Büchern wortwörtlich. Aber loslassen ist in vielen Bereichen schwierig. Du hast deinen Glauben, wie Therapie und Training funktionieren. Du hast es studiert, es jahrelang Kunden erzählt und es macht auch Sinn. Du liest und hörst es immer wieder – die (veralteten) Studien, die dieses Wissen bestätigen, werden immer wieder zitiert. Also muss es immer noch stimmen? Und wir alle unterliegen immer wieder dem Bestätigungsfehler (confirmation bias).

Veränderungen akzeptieren

Im Dezember 2021 hat sich Peter O’Sullivan auf Twitter gefragt, warum seine veralteten Studien immer noch zitiert werden: „Manche Menschen bevorzugen die späteren Studien zu ignorieren – Unbehagen mit Veränderungen und sich häufenden Beweisen?“ In diesem Tweet wundert er sich, warum seine Veröffentlichungen von vor 2000 noch immer zitiert werden. Dabei hat er sich über die Jahre mit der Cognitive Functional Therapy (CFT) weiterentwickelt und seine Sichtweise verändert (O’Sullivan, 2016).

Noch einmal Peter O’Sullivan: „Es war eine anstrengende Entwicklung von einem enggefassten strukturellen, biomechanischen Verständnis von Schmerzen in den ersten Jahren zu einer flexiblen, personenzentrierten, biopsychosozialen Perspektive.“

Paul Hodges’ neuere Arbeiten haben nicht so hohe Wellen geschlagen wie seine Studien über den Transversus abdominis in den 90er Jahren, obwohl er die Dinge heute differenzierter sieht (Reeves NP, 2019; Hodges PW, 2019).

Wenn Studien eine einfache Lösung nahelegen, zum Beispiel bei Rückenschmerzen den Bauch einzuziehen, dann ergeben sich daraus gut verkaufbare Konzepte. Wenn später neue Studien Fragen aufwerfen, interessiert das die Verkaufsmachinerie meist nicht.

Schulen, Institutionen und Verbände

In der Manuellen Therapie gibt es viele neue Erkenntnisse. Wie im Review von Kerry et al. (2024) zusammengefasst. Es könnten mehr als 17 Jahre benötigen, um dieses Wissen in die Praxis umzusetzen (Morris et al., 2011). Dies liegt daran, dass Ausbildungsstätten, Institutionen und Verbände Zeit brauchen, um neue Erkenntnisse in ihre Lehrpläne, Richtlinien und Praktiken zu integrieren. Widerstand gegen Innovationen kann auftreten, insbesondere wenn bestehende Praktiken oder Überzeugungen infrage gestellt werden. Dabei spielen die Egos der Entscheidungsträger eine wesentliche Rolle. Zudem hat die Politik einen erheblichen Einfluss, wie der TV-Beitrag von Schickling (2024) zeigt.

Die Verbreitung von Informationen aus einer Studie verändert die klinische Praxis oder die klinischen Prozesse im Allgemeinen nicht. Es bedarf eines systematischen Prozesses und einer organisierten Implementierung (Niedermann & Bodegom-Vos, 2018).

Schlussendlich liegt es in der eigenen Verantwortung aktuell zu bleiben.

Warum das Entsorgen alter Ideen schwierig ist.

Das Entsorgen alter Ideen ist aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Du verdienst deine Brötchen damit, du siehst deine Glaubwürdigkeit in Gefahr, das Konzept ist Teil deiner persönlichen Identität, dein eigenes Ego steht im Weg. Es ist oft schwierig, fest verankerte Glaubenssätze oder Überzeugungen loszulassen, da sie einen wichtigen Teil der persönlichen Identität und des Denkens ausmachen können. Solche Glaubenssätze können tief verwurzelt sein und durch persönliche Erfahrungen, kulturelle Einflüsse oder soziale Normen verstärkt werden. Das aktive Loslassen oder Ändern dieser Überzeugungen erfordert Selbstreflexion. Es kann schmerzhaft und frustrierend sein.

ABER: Das Entsorgen gehört zum Weiterbilden dazu. Sonst kommst du nicht weiter! Nur wenn du bereit bist, Altes hinter dir zu lassen, kannst du Neuem eine Chance geben. Sieh dabei das Alte nicht als überflüssig an. Es war nötig, um überhaupt erst an diesen Punkt zu kommen. Aber es ist Zeit, sich davon zu trennen.

Praktische Tipps zum Loslassen von überholtem Wissen

  • Mindset für lebenslanges Lernen: Erkenne an, dass Wissen und Methoden sich ständig weiterentwickeln und dass kontinuierliches Lernen unerlässlich ist.
  • Aktualisierte Fachliteratur prüfen: Überprüfe regelmässig, ob es neue Ausgaben oder aktuelle Versionen deiner Fachbücher gibt.
  • Neue Denkmuster erkunden: Lies gezielt Artikel und Studien, die deinen aktuellen Überzeugungen widersprechen, um deinen Horizont zu erweitern.
  • Praktische Umsetzung neuer Überzeugungen: Setze neue Erkenntnisse in die Praxis um und sei geduldig mit dir selbst – Veränderungen brauchen Zeit.
  • Altes Wissen bewusst ersetzen: Achte darauf, was du in deinem Fachgebiet nicht mehr sagen oder tun solltest. Beispiel: Anstatt zu sagen „Spann deinen Beckenboden und die Bauchmuskeln an“ beim Wackelbretttraining, sage: „Halte das Brett parallel zum Boden“ (Wulf G, 2016).
  • Jährliche Reflexion und Anpassung: Mach eine systematische jährliche Überprüfung deiner Arbeitsweisen. Frag dich dabei: „Was sollte ich nicht mehr tun, weil es überholt ist, ich mich weiterentwickeln möchte oder es effektivere Methoden gibt?“ (Fredmund Malik, 2000).
  • Veraltetes Wissen archivieren: Lege einen Ordner „Veraltet“ an und verschiebe entsprechende Studien-PDFs dorthin. So bleibst du organisiert und kannst dich auf aktuelles Wissen konzentrieren.

Altes Entsorgen gehört zum Leben

„Organismen verfügen über Systeme, die sie von Abfallstoffen befreien – Nieren, Darm, Haut und andere. Jede einzelne Zelle besitzt Mechanismen zur Müllentsorgung. Ohne systematische und kontinuierliche Entgiftung ist kein Überleben möglich.“
Was denkst du, aus welchem Fachbuch stammt dieses Zitat? Ein Biologiebuch? Ein Physiotherapiebuch? Ein Managerhandbuch?
Es stammt aus einem Klassiker für Manager von Fredmund Malik. Manage dein Wissen bewusst!

Neues Lernen bedingt, Altes bewusst loszulassen.

Literaturverzeichnis

Alderson LJH, Alderson P und Tan T. (2013) Median life span of a cohort of national Institute for Health and Care Excellence clinical guidelines was about 60 months. J Clin Epi 67 (2014) 52-55 https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2013.07.012

Densen P. (2011) Challenges and opportunities facing medical education. Trans Am Clin Climatol Assoc v.122; 2011 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3116346/

Malik Fredmund (2000) Führen Leisten Leben Heyne, München https://www.orellfuessli.ch

Hodges PW. (2019) Hybrid approach to treatment tailoring for low back pain: a proposed model of care. JOSPT 49(6):453-463 https://doi.org/10.2519/jospt.2019.8774

Kerry R, Young KJ, Evans DW, et al (2024) A modern way to teach and practice manual therapy. Chiropr Man Therap 32:17. https://doi.org/10.1186/s12998-024-00537-0

Morris Z, Wooding S, und Grant J. (2011) „The Answer Is 17 Years, What Is the Question: Understanding Time Lags in Translational Research“. Journal of the Royal Society of Medicine 104, Nr. 12:510–20. https://doi.org/10.1258/jrsm.2011.110180.

Niedermann K, Bodegom-Vos LV (2018) Die Implementierung neuer Erkenntnisse = La mise en œuvre de nouvelles connaissances. PhysioActive 3. PhysioSwiss Media

O’Sullivan P, Caneiro JP, O’Keeffe M und O’Sullivan K. (2016) Unraveling the complexity of low back pain. JOSPT  46 (16)932-937 https://doi.org/10.2519/jospt.2016.0609

Reeves NP, Cholewicki JC, van Dieen JH, Kawchuk G und Hodges PW. (2019) Are stability and instability relevant concepts for back pain? JOSPT 49(6)415-424 https://doi.org/10.2519/jospt.2019.8144

Schickling Katarina (15.05.2024) SWR Story: Physiotherapie – Ein hinkendes System? verfügbar bis 14.5.26 ardmediathek: Physiotherapie – ein hinkendes System

Shekelle PG, Ortiz E, Rhodes S, Morton SC, Eccles MP, Grimshaw JM und Woolf SH. (2001) Validity of the agency for healthcare research and quality clinical practice guidelines.  JAMA 2001;286:1461-1467 https://doi.org/10.1001/jama.286.12.1461

Wulf Gabriele, Lewthwaite Rebecca. (2016) Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning, Psychon Bull Rev https://doi.org/10.3758/s13423-015-0999-9